Alterszahnheilkunde
In den 70er Jahren beschäftigte sich die Zahnmedizin in erster Linie mit symptombezogenen Therapien, also mit der Behandlung von Karies und deren Folgeerscheinungen. Füllungs- und Extraktionstherapien standen absolut im Vordergrund. Folgeerscheinung davon waren, dass der Großteil der über 60-järigen Patienten prothetisch versorgt werden mussten, was überwiegend mit eher einfachen Teil- oder Totalprothesen im Modellgussverfahren teilweise in Kombination mit Kronen oder Kunststoffprothesen mit einfachen Klammerkonstruktionen erfolgte.
Seit Beginn der 80er Jahre hat sich das Bestreben nach einer präventiven Zahnmedizin immer stärker durchgesetzt und dadurch die Zahn- und Mundgesundheit der Bevölkerung stark verbessert.
Durch dieses erfolgreiche Prophylaxebestreben erfreuen sich auch immer mehr ältere Menschen an einer recht guten Mundgesundheit, welche aber trotzdem durchaus unter Einschränkungen und Erkrankungen leiden, die ein höheres Alter mit sich bringt. Der Zahnarzt wird sich also künftig in seinem Praxisalltag auf immer mehr ältere Patienten einstellen müssen.
Allerdings bahnt sich, mit Blick auf Pflegestatistiken, zunehmend eine Verlagerung ärztlicher und zähnärztlicher Betreuung aus der Praxis in den Heimbereich an. In Deutschland sind derzeit ca. 2,13 Mio. Menschen pflegebedürftig und sind deshalb meist zahnärztlich nicht richtig versorgt. Schon heute sollten sich Zahnärzte auf diesen veränderten und erhöhten zahnmedizinischen Versorgungsbedarf bei Senioren einstellen und dafür passende Konzepte erarbeiten.
Die erhöhte Anzahl von Senioren bedeutet auch für den Praxisalltag einen höheren Zeitaufwand in der Anamnese. Viele Patienten nehmen Medikamente wegen verschiedenster gesundheitlicher Beschwerden. Im Durchschnitt nimmt ein über 65-jähriger Patient täglich 7 Medikamente und mehr ein. Dies erfordert ein verändertes therapeutische Vorgehen, welches den spezifischen Risiken des allgemeinen Krankheitsbildes und der Medikamenteneinnahme Rechnung trägt, denn das Behandlungsrisiko steigt mit jedem zusätzlich eingenommenen Medikament.
Da der Kenntnisstand in Bezug auf Mundhygiene und Prophylaxe und die Fähigkeiten zur selbstständigen Ausführung mit steigendem Alter abnehmen, muss der Zahnarzt die entstehenden Defizite durch ein Mehr an Information, Motivation und Aktion ausgleichen. Die Typologien zeigen, dass es notwendig ist, ein engmaschiges Recall einzuhalten und den Kontakt mit den Patienten über die Praxisschwelle hinaus zu pflegen.
Zudem sollte der Zahnarzt prüfen, ob die eigene Praxis auf die Bedürfnisse der älteren Patienten eingestellt ist und adäquate Behandlungskonzepte existieren. Dazu gehören beispielsweise auch ein weiter, breiter Zugang zur Praxis, lichte, helle Bereiche und eine angenehme Akustik. Für Sehbehinderte sollte eine Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen und Anamnesebögen gewährleistet sein, Infomaterial sollte mit Schrift in größeren Lettern bereitgehalten werden.
Der Patient sollte zum Behandlungsplatz geführt werden, der ohne Stolperfallen sicher erreichbar ist. Dann ist es Aufgabe der Assistenz, ihm Speibecken und Becher durch Führung der Hand zu zeigen. Arzt und Team sind in der Kommunikation gefordert: Deutliches Reden, das Einholen von Wiederholungen, Rekapitulieren und Bestätigungen einholen sowie das Vermeiden unnötiger Nebengeräusche
sind bei Hörgeschädigten oder dementen Patienten Pflicht.
Die älter werdende Bevölkerung verlangt von den Behandlern klare Behandlungskonzepte und zukunftsorientierte Therapieformen. Konservierend-chirurgische Maßnahmen müssen gleichermaßen wie prothetische und prophylaktische auf die jeweilige Lebenssituation abgestimmt werden. Der Sanierungsgrad liegt bei Senioren laut Mundgesundheitsstudie IV über 90 %4. Auffällig ist bei Senioren jedoch eine Zunahme der Wurzelkaries um 30 %, zudem treten Erosionen und Abrasionen verstärkt auf. In der Personengruppe der 65- bis 74-Jährigen sind 48 % von einer mittelschweren und 40 % von einer schweren Parodontitis betroffen. Die Erkrankungsrisiken durch Parodontitiden sind hinlänglich bekannt. Darüber hinaus gibt es Wechselwirkungen zwischen Parodontal- und allgemeinmedizinischen Erkrankungen: Diabetes und Parodontitis bspw. stehen in einer engen Wechselbeziehung. Durch eine Parodontitis erhöht sich das Schlaganfallsrisiko um den Faktor 2,8, das der Endokarditis um den Faktor 29,10. Der Zahnarzt sollte also bei der Diagnose stets auf Anzeichen für eine beginnende Parodontitis achten.
Auch bei älteren Patienten sollte die Prophylaxe einen hohen Stellenwert im Behandlungskonzept erhalten. Denn immerhin haben 77 % der Senioren in der BRD noch 17 eigene Zähne8 in England dagegen sind 60 % zahnlos. Diese älteren Menschen sollten in ein straffes Recall eingebettet werden. Mit Blick auf die Fähigkeit zur Mundhygiene sind entsprechende Hilfsmittel zu empfehlen, wie Interdentalbürsten, elektrische Zahnbürsten, Zahnbürsten mit Doppelkopf, sowie Adjuvanzien, wie CHX-Lösungen und Fluorgele. Diese ergänzen sinnvoll das Pflegespektrum, ersetzen aber keinesfalls das regelmäßige Zähneputzen. Patienten mit motorischen Behinderungen können durch verkürzte Griffe, Griffverstärkung oder -verdickung in der Handhabung unterstützt werden. Pflegepersonal und pflegende Angehörige benötigen entsprechende Schulungen und Unterweisungen.
Die Arbeitsgruppe von Jäger, Köster-Schmitt und Heudorf beschäftigte sich mit der Schulung von Heimpersonal, um den Gesundheitszustand der Bewohner zu verbessern. Gerade wenn Schulungen des Pflegepersonals gleichzeitig mit der Einführung regelmäßiger Mundhygienemaßnahmen und Prothesenreinigungen durchgeführt werden, wirkt sich dies positiv auf die Mundgesundheit aus. Für eine Patientenbetreuung außerhalb der Praxis stellen verschiedene Landeszahnärztekammern flächendeckend mobile Einheiten zur Verfügung.
Angepasst an die Fähigkeit älterer Patienten zur selbstständigen Mundhygiene ist eine altersspezifische Prophylaxe mit einem engmaschigen Recall durchzuführen. Besonderes Augenmerk muss auf anamnestische Auffälligkeiten und das multimorbide Risiko gelegt werden. Im Rahmen der Diagnostik sollte vor allem auf Anzeichen für Parodontitiden sowie Zahnhals- bzw. Wurzelkaries geachtet werden, da diese bei Senioren gehäuft auftreten. Zudem sollte das Praxisteam klar und deutlich mit den Patienten zu reden und sich vergewissern, ob alle Informationen verstanden und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe sollten alle Patienten erhalten, auch solche, deren Pflegebedürftigkeit stetig wächst. Dies gilt es auch bei der Versorgung mit Zahnersatz und Implantaten zu beachten: Die Patienten sollten in der Lage sein, die Prothetik zu säubern.Behandlungen werden sich in Zukunft auch aus der Praxis heraus in die private Umgebung der Patienten verlagern und verlangen so vom Zahnarzt und vom medizinischen Personal entsprechende Kenntnisse und das passende Equipment. Für Landeszahnärztekammern ergibt sich hieraus die Anforderung, durch Schulungen aller zahnmedizinischen Berufsgruppen die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, wobei schon heute einige ausgefeilte Fortbildungsveranstaltungen zur Alterszahnheilkunde angeboten werden. Ein Ausbau sollte möglich sein. Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen,kann eine adäquate altersgerechte Versorgung gesichert werden.